Jacek Malczewski, Vaterland, Mittlerer Teil des Triptychons „Recht – Vaterland – Kunst“ , 1903, Öl auf Holz, 69,50 × 98 [70 × 100] cm © aus den Sammlungen des Nationalmuseum in Breslau

Unabhängiges Polen erträumt in München

Die Nation ist eine kulturelle Gemeinschaft, welche ein kollektives Gedenken als auch gemeinsame Vergangenheitsvorstellungen verkörpert. Diversen Mythen zum Trotz sind es nicht die Blutsbande, die über den Erhalt vitaler Kräfte einer Nation entscheiden. Es ist die Kunst und auf eine ganz besondere Weise die Malerei, die zum Erkunden des Charakters einer nationalen Gemeinschaft bestens geeignet ist. Künstler ordnen und verkörpern gemeinschaftliche Vorstellungen, bringen diese in einen kulturellen Umlauf und schaffen eine spezifische nationale Ikonografie.

Im 19. Jahrhundert verliefen die nationalen Bildungsprozesse parallel zu denen der Urbanisierung, der Industrialisierung, der Demokratisierung sowie Emanzipation von zuvor an den Rand der Gesellschaft gedrängter Gruppen.

Die Form der kollektiven Vorstellungen konnte den Staatsorganen nicht gleichgültig sein. Völker teilen sich somit in jene, welche in diesem sensiblen Moment einen Staat besaßen und solche, denen er genommen wurde. In solche, deren Existenz vom Staat begründet und unterstützt wurde, sowie jene welche sich als Opposition bereits bestehender Staaten begriffen. In der Familie der europäischen Nationen nahmen die Polen eine besondere Position ein, denn sie verloren ihren Staat an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, erbten aber starke und ihrer Rolle bewusste Eliten, welche sich oft mit den Anfeindungen fremder Regierungen konfrontiert sahen.

Polens Besonderheit entspringt ebenfalls aus der Tatsache, dass die meisten europäischen Völker, welche in das 19. Jahrhundert eintraten, dies meist unter einer absolutistischen Regierung taten. Demgegenüber stand eine Parlamentäre Adelsrepublik Polens, mit einem demokratisch gewählten König an der Spitze. Die Welt der adeligen Werte dominierte in der polnischen Kultur des neunzehnten Jahrhunderts. Dem Adel entstammten zahlreiche Poeten, Prosaiker, Musiker und Maler. Besondere Bedeutung für das Polentum hat eine Gruppe von Malern, welche aufgrund ihrer Schaffenszeit in der Stadt an der Isar gemeinhin die „Münchner“ genannt wurden.